Geschenk der Vergänglichkeit

Was bringt der Totensonntag der Gesellschaft heute, womöglich gar dem beruflichem Umfeld?

Heute möchte ich eine besondere Art des Coachings und des idealistischen Jobwechsels darstellen, auf die ich in der Episode 130 des “Female Leadership” Podcasts von Vera Marie Strauch stieß: Als Pastorin war Katharina Ziegler beruflich nicht vollständig zufrieden und stieg aus. Heute ist sie nicht nur Trauerrednerin, sondern begleitet auch als Coach Menschen nach Tod eines geliebten Menschen. Was für ein Geschenk ihr Mut ist! Sie verzichtete auf die sichere kirchliche Laufbahn aus und widmete sich dem Tabu von Tod und Sterben. Weil sie merkte, wie die Begleitung von Beerdigungen ihr wirklich etwas bedeutete. Eine zutiefst sinnerfüllte Tätigkeit.

 

Trauer hat zwei Gesichter: Die individuelle Trauer – Teil dieses Artikels – und die Auswirkung auf das Umfeld, die als Fortsetzung folgt.

“Ich begrüße jede Ihrer Tränen!”

Katharina Ziegler

 

Katharina Ziegler sieht sich als Spezialistin für die dunklen Farben des “emotionalen Regenbogens”, das Wahrnehmen des gesamten Spektrums. In unserer rationalen Gesellschaft wird schon kleinen Kindern beigebracht: “Ein Indianer kennt keinen Schmerz”. Der Ausdruck von Emotionen wird eingeschränkt, und die negativen sollten am besten gar nicht da sein. Selbst Lachen darf ein kleines Mädchen zwar gerne, aber bitte nicht zu laut. So eine Regulierung ist üblich, aber nicht gesund. Ein Erwachsener kann dann werden wie ein Dampfdrucktopf, dem das vorgesehene Ventil verstopft wird und dann auch in alltäglichen Situationen die Regulation fehlt. Stattdessen wundern wir uns über mangelnde Empathie, fehlgeleitete Wutanfälle, das lebenswichtige Feierabendbier, Süchte oder unerklärliche körperliche Beschwerden. Denn wir versuchen, “professionell” Emotionen zu ignorieren, uns auf unsere Kognition und Rationalität stürzen, dann zwängen wir einen wesentlichen Teil von uns selbst in ein zu enges Korsett.

Aber Trauer ist gewaltig. Trauer sprengt dieses Korsett. Und damit ist sie eine Chance, wieder zu den eigenen Emotionen zu finden, den negativen wie auch den positiven. Sozusagen durch die Begegnung mit dem Tod wieder zur Lebendigkeit finden. Daher warnt die Trauerbegleiterin dringend davor zu versuchen, “normal zu sein”, vielleicht sogar “normativ zu trauern”. Trauer ist eine Einladung zur Wiederentdeckung der emotionalen Flexibilität, zur “Vielfalt der Emotionen”. Das kann Wut sein, Tanzen, Wiederentdeckung alter Hobbies, die lang ersehnte Stille Zeit oder die klare Kommunikation an die KollegInnen, dass man einfach so weiterarbeiten möchte wie bisher, die Stabilität der Routine sehr schätzt.

Tritt der Tod in unser Leben, ist es häufig eine Einladung, die wir nicht ablehnen können. Bei der wir nicht viel Wahlmöglichkeiten sehen. Zu gewaltig ist die Kraft der Trauer. Ohne uns um Erlaubnis zu fragen sprengt sie die Mauer zu den eigenen Gefühlen, reißt das Korsett ein. Natürlich verunsichert das, lässt vielleicht sogar glauben, verrückt zu sein, oder nie wieder aus dem dunklen Spektrum des Regenbogens herauszukommen, für immer depressiv zu bleiben. Dennoch lohnt sich ein Durchwandern dieses Stimmungstals, denn damit wird

…im Eilverfahren eine Tiefe erreicht, die andere so nicht haben.

Katharina Ziegler

Was gehört zu einer so gelungenen Bewältigung von Trauer dazu? Laut der Trauerbegleiterin auf jeden Fall eben dieses Zulassen der auftauchenden Emotionen. Nicht ein Kämpfen gegen sich selbst. Wie befreiend so eine Selbstakzeptanz wirken kann, kenne ich auch aus der Arbeit mit “Der Inneren Familie”, die gegensätzliche Impulse in einem selbst kreativ vereint (s. Bericht über meinen Vortrag).

Diese Akzeptanz wird erleichtert durch eine gute Begleitung, am besten ein Näherrücken der eigenen Lieben. Als soziale Wesen sind wir seit Jahrtausenden darauf gepolt, im Schutz der Gruppe Gefahren und Verlust zu überleben. Allein eine Umarmung setzt schon lindernde Hormone frei. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck “menschliche Wärme”. Da ist es also gut, dass Trauer nicht nur das Leben auf den Kopf stellt, sondern auch verbindet. Die Mauern, die die Trauer einreißt, sind nicht nur die eigenen, sondern häufig auch die zwischen Menschen, bekannten wie fremden. Trauer kann zusammenbringen, im Familien-, Freundes- und sogar im Kollegenkreis. Wer mutig sich auf den Prozess einlässt, profitiert also doppelt: sich Emotionen stellen und seinen Lieben offen begegnen braucht beides Mut, lindert die Trauer und ist ein Schritt zur nachhaltigen persönlichen Entwicklung.

Katharina Ziegler beschreibt einen gut gestalteten Trauerprozess daher als “emotionale Muskeln trainieren”. Die Ausgeglichenheit und Gesundheit der einzelnen Person wird stärkt und letztendlich wirkt er sich positiv auf das private und berufliche Umfeld aus. Dazu gibt es im nächsten Artikel mehr zu lesen.

 

Mehr zum Thema Emotionale Flexibilität:

Methode des Internal Family System

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